Nachdem ich die doch interessante
Aufzeichnung des
Vortrags am 25C3 über die Tagebücher Erich Mühsams gesehen hatte konnte ich nicht wiederstehen und habe mir die Version auf totem Baum besorgt.
Mühsam war zu Zeiten der Weimarer Republik ein anarchistisch-kommunistischer Publizist und ist mit dieser politischen Einstellung, wie man sich sicher Vorstellen kann, an einigen Stellen angeeckt, bevor er bereits 1934 von den Nazis im KZ Oranienburg ermordet wurde.
Seine Tagebücher lassen sich grob in zwei Abschnitte Aufteilen. In den Jahren 1910 bis 1919 beschreibt er größtenteils sein "revolutionäres" Handeln in München mit vielen Vorträgen, Publikationen, Schäferstündchen, Geldsorgen, etc. Diese geben einen interessanten Einblick in die Zeit aus der Sicht eines einzelnen Bürgers. Dass man sich mit Tripper rumschlagen muss kann man sich heutzutage ja kaum noch vorstellen...
Die Jahre ab 1920 verbringt er in Festungshaft, wo die im Vortag beschriebenen Auswirkungen der Beschlagnahmung seiner Tagebücher sichtbar werden. Ein grausiges Beispiel für die Wirkung staatlicher Besitzlung, gepaart mit Zensur. Seine intimen Aufzeichnungen werden gegen ihn verwendet, während zeitgleich Zeitungen und Briefverkehr zensiert werden, um ihm möglichst wenig Möglichkeit zur Gegenwehr zu lassen. Zusätzlich werden die Gefangenen durch verschiedene Strafmaßnahmen malträtiert.
Äußerst faszinierend sind die von ihm damals propagierten politischen Thesen. Beispielsweise, dass das (Lumpen-)Proletariat Kriege durch einen Generalstreik in den betroffenen Ländern verhindern soll. Oder dass es zu einer Revolution nur 1% der Bevölkerung braucht. Denn weitere 5% schließen sich auf der Straße an, 90% ignorieren die Ereignisse und somit hat man schon eine Mehrheit hinter sich (Eintrag 3. August 1921). Heute würde kaum jemand solche Ideen ernsthaft vertreten, aber interessante Gedankenspiele bleiben sie immernoch.
Anhand seiner andauernden Geldprobleme wird klar, dass er seine Ideen nicht nur von den vielen Rednerbühnen herab predigt, sondern diese auch versucht vorzuleben. Obwohl er kaum genug hat um sich selbst auf den Beinen zu halten hilft er seinen Bekannten ständig finanziell aus, einigen auch auf regelmäßiger Basis. Dabei lebt er vom Geld des Vaters, weniger von seinen wenig erfolgreichen Publikationen wie Gedichten und anarchistischen Zeitschriften.
Genau dieser ihn doch so sympatisch machende Ideaslismus wird ihm zum Problem, als er nach dem Fall der
Münchner Räterepublik 1919 in die Haft kommt. Bei jeder Haftanstalt von den anderen politischen Gefangenen erst jubelnd begrüßt spaltet sich relativ schnell das Lager. Denn nur wenige Mitgefangene können und wollen seine idealen Vorstellungen auch so ausleben wie Mühsam und so schafft er sich bald Feinde, von denen einige sogar die Seite bis hin zur gerade aufsteigenden NSDAP (deren Bewegung er als "Konterrevolution" abtut) wechseln. Als beispielsweise einige Gefangene, entgegen früheren Absprachen, einen Hungerstreik beginnen boykottiert Mühsam diesen und schreibt am 6. Juni 1921 aus der Einzelhaft:
Aber ich kann nicht etwas tun, was gegen meine Überzeugung geht, vorallem kann ich meine nächsten Kameraden, die die meiner Ansicht nach richtige Haltung einnehmen, nicht um der solidarischen Geste willen desavouieren.
Schließen möchte ich mit einem Auszug über seine Gegner am 10. März 1922, der auch sehr viel über seine Ansicht zu sich selbst verrät:
Nur eins weiß ich: möge mich schließlich an die Wand stellen, wer mag - erschossen kann ich immer nur von rechts werden.
Erich Mühsam Tagebücher 1910-1924, ISBN: 3-423-13219-1, Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv)